{"id":50011805,"date":"2020-11-20T19:45:12","date_gmt":"2020-11-21T00:45:12","guid":{"rendered":"https:\/\/gp2stg.wpenginepowered.com\/das-ausserirdische-im-eigenen-inneren-entdecken\/"},"modified":"2024-11-13T22:33:47","modified_gmt":"2024-11-14T03:33:47","slug":"das-ausserirdische-im-eigenen-inneren-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gp2.org\/de\/das-ausserirdische-im-eigenen-inneren-entdecken\/","title":{"rendered":"Das Au\u00dferirdische im eigenen Inneren entdecken"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-weight: 400\">Ich hatte schon immer eine sehr lebhafte Fantasie. Als Kind starrte ich h\u00e4ufig auf meine Hand und linste tief hinein in die Hautfalten, um dort Welten zu entdecken, die sich mit au\u00dferirdischem Leben zusammengetan hatten. Ich stellte mir vor, dass dort ganze Zivilisationen lebten, die nicht wussten, dass ihre gesamte Realit\u00e4t in eine Ritze meiner Haut passte und dass alles, was sie taten, einen Beitrag zu Systemen leistete, die mir die Existenz erm\u00f6glichten. Allerdings war mir dabei nicht bewusst, dass ich gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt war.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">In jedem von uns steckt eine Symphonie des Lebens, die allerdings viel komplexer und dynamischer ist, als ich es mir je h\u00e4tte ertr\u00e4umen k\u00f6nnen. Wir sind eine fein austarierte Anordnung von miteinander verbundenen biologischen Systemen, welche aus Kombinationen von nur zwanzig Aminos\u00e4uren in einer aufgereihten Doppelhelix aus vier Nukleins\u00e4uren bestehen, die durch uns der gesamten Existenz einen Sinn verleiht.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Carl Sagan hat einmal witzigerweise gesagt: \u201eWir sind eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Kosmos, sich selbst zu erkennen.\u201c Doch das ist ein wenig selbstverherrlichend: \u201eWir\u201c sind blo\u00df ein Produkt der erlernten Mechanismen des Lebens, geformt durch \u00c4onen des Ausprobierens. Jeder stochastische Schritt vorw\u00e4rts hat unsere Fitness gest\u00e4rkt und uns mit den Eigenschaften ausgestattet, die wir brauchen, um weiter zu forschen und mehr \u00fcber uns selbst und das Universum, in dem wir zuf\u00e4lligerweise leben, zu erfahren.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Eine merkw\u00fcrdige Eigenart unserer Existenz, die uns von allem anderen Leben, das wir kennen, unterscheidet, besteht darin, dass wir uns immer gefragt haben, wie und warum wir entstanden sind. Einige von uns, die sich nicht mit den Geschichten ihrer Zeit zufrieden geben wollten, bohrten und stocherten weiter und erschufen das Werkzeug, das unsere F\u00e4higkeit zur Erforschung des Unbekannten erweiterte \u2013 und trieben damit unser Verst\u00e4ndnis von allem Existierenden voran.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Eine wesentliche Lektion aus allem, was wir gelernt haben, ist, dass das Leben nie aufh\u00f6rt vor sich hin zu t\u00fcfteln und zu basteln. Es ist ein ewiger Prozess der Selbstverbesserung, angetrieben durch endlose Variationen und feinste Ver\u00e4nderungen an unserer genetischen Ausstattung. Meistens haben diese Ver\u00e4nderungen wenig bis keine Wirkung. Mitunter bewirken sie einen Vorteil.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Hin und wieder fordern diese Ver\u00e4nderungen jedoch einen Tribut, der furchtbar grausam erscheinen kann.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Es ist zehn Jahre her, seit meine Symptome zum ersten Mal auftraten. Wahrscheinlich begann schon vor zwanzig oder mehr Jahren etwas falsch zu laufen. Ich bin zwar froh, dass der Abbau allm\u00e4hlich verlaufen ist, werde mir aber des unerbittlichen Fortschreitens immer deutlicher bewusst. Es gibt f\u00fcr mich heute nur noch selten Momente, in denen ich seine Auswirkungen nicht bemerke, denn er beeintr\u00e4chtigt quasi alles, was ich tue \u2013 auch das Tippen der Worte, die Sie hier lesen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Einen Gro\u00dfteil davon habe ich entweder im ausgeschalteten Zustand geschrieben und versucht, meine steifen und bradykinetischen Arme und Finger geschickt genug zu bewegen, um das zu tippen, was ich wollte, oder im eingeschalteten Zustand und versucht, das durch die Dyskinesie verursachte unregelm\u00e4\u00dfige Schlagen meines rechten Arms und Beins unter Kontrolle zu bringen. Das ist be\u00e4ngstigend, wenn man \u00fcberlegt, wie schwierig das wohl in 10\u00a0Jahren sein wird. Es ergibt jedoch keinen Sinn, \u00fcber die Zukunft nachzusinnen, denn jeder heutige Augenblick verlangt mir schon zu viel ab, und es gibt doch noch so viel zu tun.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Gest\u00fctzt auf die gesammelte Weisheit zahlloser Generationen unzufriedener Bastler sind wir der L\u00f6sung einiger der kniffligsten R\u00e4tsel dar\u00fcber, was tief in unserem Inneren schief l\u00e4uft, n\u00e4her als je zuvor. Trotz der nach wie vor gewaltigen L\u00fccke zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir an Wissen brauchen, gibt es guten Grund zu glauben, dass unsere Fortschritte Schl\u00fcsselerkenntnisse dazu liefern werden, weshalb unsere Systeme aus dem Ruder laufen, und dass sie uns das R\u00fcstzeug an die Hand geben, um angemessen zu intervenieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Von zentraler Bedeutung f\u00fcr dieses Ziel sind Hinweise, die tief in den Baupl\u00e4nen der mikroskopisch kleinen Molek\u00fclmaschinerie verborgen sind, die uns zu dem macht, was wir sind \u2013 unser Genom. Im \u00fcberwiegenden Teil unserer Geschichte wurde das Wissen \u00fcber das Leben in Form von Geschichten erst m\u00fcndlich und sp\u00e4ter schriftlich von Generation zu Generation \u00fcberliefert. In den letzten Jahrzehnten haben wir jedoch gelernt, dass der tief in allen von uns verschl\u00fcsselte Datensatz robuster ist und mehr Erkenntnisse birgt als alles, was wir niedergeschrieben haben.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Von den HOX-Genen, die unsere Entwicklung steuern \u2013 und jeder Zelle sagen, wann und wie sie wachsen soll \u2013 bis hin zum ARC-Gen, das uns durch eine fr\u00fchere Begegnung mit viraler RNA verliehen wurde und f\u00fcr unsere F\u00e4higkeit zur Bildung von Erinnerungen von entscheidender Bedeutung zu sein scheint, bis hin zum gesamten horizontalen Transfer von genetischem Material zwischen unseren Zellen und der enormen Vielfalt an Mikrobiota in uns: Unsere neu entdeckte F\u00e4higkeit, den genetischen Code des Lebens zu entschl\u00fcsseln, zeigt uns, wer wir wirklich sind, und gibt uns zugleich neue Ziele in die Hand, die wir in unserem langwierigen Kampf gegen Krankheiten m\u00f6glicherweise angehen k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Wenn es jedoch um das degenerierende menschliche Gehirn geht, m\u00fcssen sich die von uns entschl\u00fcsselten genetischen Treffer erst noch als zielf\u00fchrend erweisen. Heutzutage k\u00f6nnen wir den Patient*innen maximal sagen, dass sie Gen\u00a0X haben, und dass es mit Krankheit\u00a0Y assoziiert ist. Aber abgesehen von der Aufnahme in ein paar experimentelle Studien (falls vorhanden) gibt es f\u00fcr sie und ihre \u00c4rzt*innen nichts, was sie bislang mit dieser Information anfangen k\u00f6nnen.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Von Zeit zu Zeit bitte ich einige der mir bekannten Biologen, die Augen zu schlie\u00dfen und sich vorzustellen, was alles in nur einer der 37 Billionen Zellen vor sich geht, die uns zu dem machen, was wir sind. Wie Frau Frizzle, die in der Sendung \u201eDer Zauberschulbus\u201c mit ihrer Klasse auf Reisen geht, bitte ich sie, mich auf eine Tour zu dem mitzunehmen, was sie vor ihrem inneren Auge sehen. Schnell wird dann klar, wie unvollst\u00e4ndig dieses Bild ist und wie viel davon wir mit Geschichten dar\u00fcber f\u00fcllen, was wir zu wissen meinen. Gl\u00fccklicherweise werden jedoch rasche Fortschritte gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Da denke ich zehn Jahre zur\u00fcck, als ich erstmals merkte, dass irgendetwas in mir nicht stimmt \u2013 und an all das, was wir seither \u00fcber Mosaizismus, Epigenetik, posttranslationale Modifikationen, Pleiotropie, Epistase und vieles mehr gelernt haben. All das verwandelt sich derzeit von etwas v\u00f6llig Fremdartigem in etwas, was wir allm\u00e4hlich verstehen lernen und was zugleich eine kritische Rolle in unserem kollektiven Kampf gegen die Krankheit spielt.\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-weight: 400\">Was werden wir aus der Sequenzierung von 150.000 Menschen mit Parkinson-Diagnose lernen? Welche neuen Erkenntnisse dar\u00fcber, was bei jeder einzelnen Person falsch l\u00e4uft, werden wir erlangen? Wie viele Zielmolek\u00fcle f\u00fcr medikament\u00f6se Behandlungen werden auftauchen? Wie bei jeder Erkundung des Unbekannten liegt auch hier die Sch\u00f6nheit teils in dem, was wir nicht wissen. Wir wissen zwar, dass die Genetik allein uns nicht dorthin bringen wird, wo wir letztendlich hingelangen wollen, aber wir wissen, dass sie ein Wissensfundament bilden wird, auf dem neue Therapieformen entstehen werden. Und dass wir mit ihr auf dem Weg dorthin die Detailinformationen erg\u00e4nzen k\u00f6nnen, die sich uns bislang entziehen \u2013 \u00fcber das Leben und dar\u00fcber, was es tief in den Falten unserer Haut anstellt.\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GP2 verfolgt das Ziel, neue krankheitsverursachende Gene und Mutationen zu identifizieren. Benjamin Stecher beschreibt seine Hoffnungen, wenn wir im Zuge von GP2 ins Unbekannte vordringen und ein Wissensfundament aufbauen, auf dem neue Therapien entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":50019532,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"class_list":["post-50011805","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","post-type-blog-de","topic-forschungskommunikation","topic-patient-involvement-de"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50011805","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50011805"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50011805\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/50019532"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gp2.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50011805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}